- geboren 1969 in Bern
- Zeichner / Eisenplastiker
- Freiberuflicher Dozent, öffentliche und (private Institutionen)
- Ausstellungen in Kunstgalerien im In + Ausland
- Lebt und arbeitet seit etlichen Jahren in Fräschels FR, in der Schweiz.
“Der Künstler stellt innerhalb unserer Gesellschaft eigentlich den einzigen Menschentypen dar, welcher unbekümmert und unter weitgehender Duldung durch die Gesellschaft sich selber lebt, seiner eigenen Natur treu ist und so ein Gebot erfüllt, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist, dessen Ruf aber für die meisten im trüben Kampf um das Tägliche erstickt.” hermann hesse

David Werthmüller
Wirkung
Wenn Besucher auf meine Werke treffen, frage ich mich, was in ihnen vorgeht. Welche Bilder und Erinnerungen drängen sich in den Vordergrund? Sind es die einfachen Assoziationen mit bereits Bekanntem, oder gelingt es mir deren aufdringliche Präsenz durch neue, anregende Bilder zu ergänzen. Selbstverständlich im Bewusstsein, dass der frische Blick keinem der Anwesenden mehr ein treuer Begleiter sein dürfte. Zu viel wird den Augen heute zugemutet, als dass selbst der vorsichtigste Mensch noch Eigenes und Fremdes scharf zu trennen vermag. Trotzdem gibt es hin und wieder Gesprächsfetzen, die mich hellhörig werden lassen. Bemerkungen, die mein Interesse wecken. So sind dies vor allem die Gefühle, die meine Skulpturen hervorrufen können. Würde, Anmut, Sinnlichkeit, um nur einige zu nennen. Empfindungen, die sich als Essenz des Geschauten und Geschweissten durchzusetzen vermögen.
Meine Faszination hingegen ist zusätzlich ganz anderer Art.
Nichts erinnert den Betrachter an meinen quälenden Kampf mit dem flüssigen, heissen Eisen! Durch geduldiges fliessen lassen der Materie, gepaart mit roher Gewalt, einer höllischen Hitze, glühendem Eisen-Regen, Dampfwolken, die den Garten verdunkeln und spontanen Knallpetarden, die den Hund ins Haus flüchten lassen, ist ein kostbares Wesen, das womöglich feinfühlige Empfindungen hervorrufen kann, geboren worden. Dies alles entgeht dem Betrachter.

Wie schon mein Vater immer sagte: “Es spielt keine Rolle wie etwas entsteht– nur die Wirkung zählt.” Heute verstehe ich diese Ansicht zum ersten Mal richtig. Sie beinhaltet nämlich auch das unausgesprochene Gegenteil. Ich sage: Ohne diese Anstrengung und diesen Kampf – ist diese Wirkung nicht zu erreichen!
David Werthmüller, 1. Nov. 2011
Was treibt mich an?
Aufgrund meiner Kindheit und späteren Ausbildungen lassen sich kaum verwertbare Indizien finden. Am ehesten haben wohl die vielen kulturlastigen Reisen mit meinen Eltern etwas damit zu tun. Ich hatte das Glück viele, heute kaum mehr zugängliche Kultstätten aus der Stein und Bronzezeit, in unberührter Natur besuchen zu können. Dolmen, Menhire, Nuragen und unzählige Grabstätten, bestimmten die Reiserouten meiner Eltern. Meistens von ungenau verfassten Wegbeschreibungen, unüberwindbaren Sprachbarrieren und Strassen, die hierzulande bestenfalls als Bachbett klassifiziert werden, begleitet. So erlebte ich im Kindesalter Kultur vor allem als Abenteuer.
Die Schulzeit brachte mich weder der Kunst, noch dem Zeichnen näher. Allerdings begann mein älterer Bruder, der mir 8 Jahre voraus war, Ur und Frühgeschichte zu studieren. So lauschte ich wohl unfreiwillig den Unterhaltungen am elterlichen Mittagstisch. In einer Zeit, wo mir ein eigenes Mofa wohl als das begehrenswerteste Ding der Welt erschien, kreuzten sich die handwerklichen Versuche meines *Bruders und mir im Bastelraum. (*Stefan Werthmüller, Kunstmaler und Illustrator) Da konnte man neben Motorenteilen durchaus auf Nachbildungen steinzeitlicher Äxte und Mahlsteine stossen. Wie gesagt verlief mein Leben zu dieser Zeit in einer Parallel-Welt zu Kunst, Geschichte und Kultur.
Etliche Jahre später hatte ich den starken Wunsch, mehr über mich und die Welt zu erfahren. Ohne hier ausschweifend zu erzählen, möchte ich diesen Entwicklungsschritt kurz umreissen. Auf der Suche nach meiner mir eigenen Ausdrucksform probierte ich Vieles aus, liess es sein und griff es erneut auf. Nur um es schon Tage später wieder als ungeeignetes Medium beiseitezulegen. Es kam also vor, dass ich nächtens loszog, um mit der selbst gebastelten Camera obscura Stimmungen einzufangen, frühmorgens zeichnete und nachmittags am Küchentisch Aktfiguren modellierte. Ich besuchte Kurse in Holzschnitt und Lithografie. Und dann zeichnete ich wieder bis zum Umfallen. Manchmal 50 Stück an einem Tag. Ich besuchte Ausstellungen, lernte Künstler kennen und kaufte mir tonnenweise Bücher.
So verdichtete sich langsam mein Eindruck, dass wohl die Zeichnung das beste Medium für mich sei. Nur war ich meilenweit von zufriedenstellenden Ergebnissen entfernt. Also beschloss ich mich ausschliesslich der Zeichnung zu widmen. Selber zeichnen lernen halte ich bis heute für eines meiner grössten Abenteuer! Man kann sich keine Vorstellung von meinem verzweifelten Kampf mit mir selbst machen. Sehen! Was sehe ich wirklich?Wahrnehmung? Kann ich selbst meine eigene Wahrnehmung kontrollieren? Es gab dermassen viel zu erforschen und zu entdecken, dass mich nichts anderes mehr interessierte. Ich war besessen.
Doch wie kam ich zur Skulptur? Obwohl eine Skulptur immer nur von einer Seite angeschaut werden kann, folglich also höchstens Reliefcharakter aufweist, bestimmt unser Wissen um die Dreidimensionalität der Skulptur eben genau dieses. Einfach gesagt nehmen wir einen Kopf von vorne nie als Scheibe wahr. Wir fügen unser Wissen, das ein Kopf ein Volumen hat zu unserem Sehen hinzu!
Und das ist es, was ich konstruierte Wirklichkeit nenne.
Ich bin nicht der erste Mensch, dem dies auffällt. Mir geht es um etwas anderes. Beim Zeichnen vermisse ich oft die Möglichkeit, das Dargestellte intensiver zu begreifen. Doch genau dies vermag die Zeichnung nur begrenzt zu leisten. Die Skulptur hingegen kann einen räumlichen Eindruck und den daraus resultierenden Ausdruck im Raum erzeugen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb ich Skulpturen erschaffe. Nicht das ich das Zeichnen ausgeschöpft hätte. Im Gegenteil. Ich bin mir bewusst, dass mein zeichnerisches Werk erst am Anfang steht. Doch die Skulptur fasziniert mich zusätzlich auf eine andere Weise. Der Moment wenn aus der fliessenden, glühenden Masse aus Eisen ein Wesen entsteht, ist unbeschreiblich. Was jetzt an Korrekturen noch anfällt, bearbeite ich mit Sorgfalt und Respekt.
Aus einem DING ist JEMAND geworden. Skulpturen kann ich wortwörtlich begreifen. Ich spüre deren Präsenz. Eine Zeichnung oder ein Bild bleibt ein Ding das Illusionen hervorrufen kann. Eben eine Erinnerung oder Fiktion auf Leinwand oder Papier. Skulpturen jedoch haben einen existenziellen Charakter.
September 2011, David Werthmüller
